Buchhandlung und Verlag des Jahres 2026
Der Preis
Seit 2010 vergibt der SBVV den Preis des Schweizer Buchhandels. Jeweils drei Buchhandlungen und drei Verlage werden nominiert. Dieses Jahr sind dies die Buchhandlungen Forum in Liestal, Voirol in Bern und BUK in Luzern sowie die Verlage Christoph Merian in Basel, Geparden in Zürich und der Autismusverlag in St. Gallen. Ab dem 29. April kann das Publikum auf der Website des SBVV abstimmen. Die siegreiche Buchhandlung und der siegreiche Verlag erhalten als Preisgeld je 4000 Franken, die Nominierten je 2000 Franken. Die Verleihung findet am 8. Juni in Bern statt, im Anschluss an die Generalversammlung des SBVV in der Schweizerischen Nationalbibliothek.
Das ist die Jury:
- Daniela Binder, Obergass Bücher (Gewinnerbuchhandlung 2025)
- Anne Rüffer, rüffer & rub (Gewinnerverlag 2025)
- Pascal Ziltener Trapp (Sponsor Buchzentrum)
- Heike Kramer (Verlagsvertreterin Penguin Random House)
- Myriam Lang, SBVV, Buchmessen und Promotion
*Alle bisherigen nominierten und ausgezeichneten Buchhandlungen und Verlage finden Sie in dem beigefügten PDF.
Hier geht es zur Abstimmung!
Die nominierten Buchhandlungen sind:
Die Jury zum Forum, Liestal:
«Innert kürzester Zeit wurde diese Buchhandlung dank origineller Events und einem sorgfältig kuratierten Sortiment auf kleinem Raum zum lokalen Treffpunkt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Inklusion und Diversität. Ihre wachsende Kundschaft im Laden sowie auch online ist begeistert von dem grossen und persönlichen Engagement.»
Die Jury zur Buchhandlung Voirol, Bern:
«Aus dem von einem Jurassier als katholisches Antiquariat im protestantischen Bern gegründeten Laden entwickelte sich eine ökumenische Buchhandlung, die heute ein einzigartiges Sortiment mit deutschsprachigen Büchern zu monotheistischen Religionen und einem ausgewählten belletristischen Schwerpunkt führt.»
Die Jury zu BUK, Luzern:
«Eine trendige Buchhandlung mit Café, die nach ihrem Umzug von Kriens für viele in Luzern zu einem Ort zum Verweilen wurde. Das ausgesuchte Sortiment mit Blick auf Indie-Verlage und Nachhaltigkeit, die unterschiedlichen Veranstaltungen und der Podcast gemeinsam mit der Leserei zeichnen diese Buchhandlung aus.»
Die nominierten Verlage sind:
Die Jury zum Christoph Merian Verlag, Basel:
«Der Verlag steht für 50 Jahre in jeder Hinsicht qualitativ hochstehende Bücher und intensive Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen und Museen. Auch weit ausserhalb von Basel werden die Produktionen für ihre Ausstattung, Recherche, Nachhaltigkeit und ihr Design geschätzt und mehrfach ausgezeichnet.»
Die Jury zum Geparden Verlag, Zürich:
«Ein junger Verlag, geführt von zwei engagierten Verlegerinnen, die für ihre Autorinnen, Autoren und ihr Programm spürbar brennen. Sie setzen sich mit Herzblut für ihr vielseitiges Programm ein, dies mit grosser Offenheit für Literaturen der Schweiz und darüber hinaus. Ihre Bücher sind politisch, relevant und immer mit einem Kern, der bewegt.»
Die Jury zum Autismusverlag, St. Gallen:
«Ein spezialisierter Fachverlag, der sein Leitbild von und für Menschen mit und ohne Autismus konsequent lebt. Der Verlag setzt die Inklusion auch selbst um, Teile der Mitarbeitenden sind im Autismusspektrum. Mit ihrem internationalen Programm, lokaler Produktion und durch aktiven Einsatz in der Community sind sie aus dem Schweizer Buchmarkt nicht mehr wegzudenken.»
Die Sache mit den Fröschen und den Prinzen
Im Forum in Liestal geht es um mehr als Bücher: Bettina Bieder verband ihre soziale Erfahrung mit literarischer Leidenschaft – und schuf einen Ort, an dem Gespräche genauso
wichtig sind wie Geschichten.
Bettina Bieder kennt sich mit Fröschen aus – nicht mit den echten Amphibien, aber mit solchen, die man in der Hoff-
nung küsst, dass sie sich in einen Prinzen verwandeln. Privat hat sie diesen Prinzen längst gefunden. Aber beruflich wollte es lange Zeit nicht so richtig klappen.
Ihre Suche begann mit der Ausbildung zur Buchhändlerin, setzte sich in Weiterbildungen auf verschiedenen Gebieten fort und gipfelte im Studium der Sozialarbeit. Diesem Bereich blieb sie 13 Jahre lang treu. «Das verschaffte mir einen gut gefüllten Rucksack hinsichtlich des Umgangs mit Menschen», sagt sie. Aber etwas fehlte: das Schöngeistige, das sich mit dem Lesen von und dem Diskutieren über das geschriebene Wort so wunderbar erleben lässt. «Ich vermisste den
Buchhandel», resümiert Bettina Bieder.
Jetzt oder nie
So reifte in ihrem Kopf eine Idee heran: die Leidenschaft fürs Soziale und die Passion fürs Buch miteinander zu verbinden. Doch den Weg in die Selbstständigkeit scheute sie – das finanzielle Risiko, den Aufwand, das Ungewisse. Könnte das Führen einer unabhängigen Buchhandlung wirklich der eine Frosch sein, der zu einem Prinzen wird? Bettina Bieder zauderte, bis sie Ende 2023 erfuhr, dass die Buchhandlung Rapunzel in Liestal schliessen muss beziehungsweise von Orell Füssli übernommen wird. «Ich fand, dass es in Liestal weiterhin eine unabhängige Buchhandlung braucht.» Der Entschluss war gefallen – und es schien, als hätte das Universum nur darauf gewartet, denn danach ging alles ganz schnell. Bettina Bieder goss ihre Idee in ein Konzept. Die Finanzierung klappte reibungslos, der Standort an der Rathausstrasse mitten im Stedtli war schnell gefunden. Anfang März 2024 begann sie, den Laden einzurichten, und zwei Monate später öffnete die Buchhandlung Forum ihre Tore. Das Lokal erstreckt sich auf zwei Etagen. Das Untergeschoss – ein grosser Raum mit Gewölbe – dient als Veranstaltungsraum, das Erdgeschoss ist mit Büchern gefüllt. Aber nicht überfüllt, denn Bettina Bieder mag keine vollgestopften Regale und deckenhoch gestapelte Bücher.
Zeit für Gespräche
Der Name der Buchhandlung ist gleichsam ein Statement der Inhaberin. In den Städten des römischen Reichs war das
Forum das politische, juristische, wirtschaftliche und religiöse Zentrum des Orts. «Foren sind Orte des Zusammenkommens und des Austauschs – genau das ist auch meine Vision für den Laden»,
so die 44-Jährige. Und es funktioniert: Im benachbarten Altersheim wohnen mehrere Stammkundinnen und -kunden, darunter Bettina Bieders ehemaliger Französischlehrer. «Er kommt einmal pro
Woche vorbei, kauft Bücher, und wir plaudern immer angeregt über Gott und die Welt.» Begegnungen wie diese will sie nicht dem Umsatzdruck opfern. «Auch wenn ein voller Laden toll ist: Ich möchte
immer genügend Zeit haben, um mit der Kundschaft zu diskutieren oder ihr einfach nur zuzuhören», stellt sie klar.
Was bleibt, was geht
Das Sortiment wählt Bettina Bieder nach Gefühl aus und danach, was sie selbst gern liest: Bücher rund ums Mensch sein – Persönlichkeitsentwicklung, Feminismus, Queerness, Nachhaltig-
keit, Gesundheit, in verschiedenen Genres. Und sie hört auf ihre Kundschaft. So kamen Kinderbücher dazu, die es anfangs nicht gab, und der feministische Bereich wuchs. Das Schöne an der Selbstständigkeit sei, dass sie flexibel agieren könne. Den umgekehrten Weg gibt es ebenfalls: «Ich sagte schon mehr
als einem Buch über ein Herzensthema von mir adieu, weil die Nachfrage nicht da war.»
Der Königsweg
Dass das Forum nur zwei Jahre nach der Eröffnung schon als Buchhandlung des Jahres nominiert ist, kam für Bettina
Bieder völlig überraschend. Zwar hatten viele Kundinnen und Kunden den Laden als Kandidat gemeldet – aber dass es auf Anhieb klappt, damit rechnete sie nicht. «So als new kid on the block fühle ich mich sehr geehrt, Teil dieser illustren Runde zu sein», sagt sie denn auch.
Die Nomination zeigt: Nach all den geküssten Fröschen war es schliesslich der Weg in die Selbstständigkeit, der sich als Königsweg entpuppte.
Zur Abstimmung bis zum 29. Mai, 12.00 Uhr möglich.
Tiefe und Leichtigkeit
Die Buchhandlung Voirol ist eine Entdeckung: Bücher zu spirituellen, religiösen und gesellschaftspolitischen Themen, aber auch Belletristik, Kinderbücher und Kunstkarten zu den grossen Festen laden zur Horizonterweiterung ein. Bezaubernd ist diese ruhige, schöne Buchhandlung. Und – auch wenn das für eine theologische Buchhandlung wie ein Klischee tönen mag – inspirierend.
Die Buchhandlung Voirol findet man in einer der berühmten Berner Lauben, in der Nähe der Zytglogge an der Rathausgasse. Die Frontseite des Ladens ist ganz aus Glas. Warmes Licht und farbenfrohe Buchcover wirken wie Magnete. Das lang gezogene Ladenlokal im Innern entfaltet nochmals einen eigenen Sog: Wie in einem Lesefluss wird man durch den Gang getragen, Büchergestelle aus hellem Holz zur rechten und linken Seite,
schlicht und geradlinig. Es ist ein sorgfältig kuratiertes, schön präsentiertes und überraschendes Sortiment, durch das man sanft geführt wird – beginnend mit Belletristik beim Eingang, endend mit Bibelausgaben, Kunstkarten und Kerzen. «Romane präsentieren wir am Anfang des Ladens, weil wir mit unserem Sortiment alle ansprechen wollen – auch wenn wir eine ökumenische Buchhandlung sind», sagt Alexander Thuss, der vor seiner Tätigkeit bei Voirol als Religions pädagoge arbeitete.
Offener Horizont
Die Buchhandlung ist Anlaufstelle für Fachleute wie Theologinnen und Religionspädagogen, funktioniert aber auch als allgemeine Buchhandlung – Lesen und Literatur haben ja sowieso mit «Spirit» zu tun. Oder wie es Gallus Weidele, Theologe und langjähriger Leiter der
Buchhandlung, ausdrückt: «Wir funktionieren wie das Postauto: Die Leute mögen uns, weil wir sie mit unserem Sortiment sicher in eine publizistisch abgelegene Region bringen.» Séverine Décaillet mag an ihrem Beruf besonders, dass die Gespräche mit der Kundschaft so bereichernd sind, weil sie in beide Richtungen fliessen. Sie studierte
in Fribourg Theologie, arbeitete danach in der Psychiatrieseelsorge und stieg vor zwei Jahren via SBVV-Quereinsteigerkurs in den Buchhandel ein. Heute teilt sie sich die Geschäftsführung mit Gal-
lus Weidele.
Verantwortung für gute Bücher
Das Sortiment von Voirol ist eine Mischung aus Unterhaltsamkeit und Integrität. Die Buchhandlung führt viele wunderschöne Kinderbibeln, aber kein Werk, auf dem «Bibel» steht, wenn einzig das neue Testament enthalten ist – «Bibel» bedeutet Altes und Neues Testament. Kreatonistische Bibelinterpretationen – buchstabengetreu und wissenschaftliche Auffassungen ablehnend – findet man bei Voirol auch nicht. «Wir nehmen die Verantwortung wahr, unsere Kundschaft theologisch gut zu betreuen», sagt Gallus Weidele. Vor 99 Jahren
gründete der Jurassier Paul Voirol mitfinanzieller Unterstützung der katholischen Kirche eine konfessionelle Buchhandlung im reformiert geprägten Bern. Seit 1997 beteiligen sich auch die evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde sowie die christkatholische Kirchgemeinde Bern an den Kosten für die Buchhandlung.
Gesellschaftlicher Wandel
Der Bedeutungswandel von Religion im Alltag lässt sich vielleicht nirgends so gut ablesen wie in einer theologischen Buchhandlung. Wandelt sich der Glaube, und geht er in Esoterik über? Gallus Weide -
le glaubt das weniger: «Ich sehe eher einen Rückgang des Interesses. Es gibt heute weniger Akademiker, die nebst anderen Philosophen auch Barth oder Küng lesen.» Alexander Thuss führt das Beispiel Ostern an: Die Nachfrage nach Oster-Bilderbüchern für Kinder, Oster-
kerzen oder Fastenführer ist deutlich gesunken, während vor Weihnachten die Nachfrage nach entsprechenden Titeln
immer noch hoch ist. Séverine Décaillet verweist aber auch auf die sozialkritische Komponente von Religion: «Die Fragen zum Zustand der Welt verschwinden nicht einfach mit dem Bedeutungsver-
lust der institutionellen Religion. Daher wird die Abteilung mit Gesellschaftsfragen auch in unserer Buchhandlung sorgfältig gepflegt.»
Drei Buchempfehlungen
Bevor man sich wieder ins Stadtleben herausspülen lässt, möchte man drei Bücher von diesem weltoffenen, belesenen, religiös geprägten Buchhandels-Team mitnehmen. Séverine empfiehlt «Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums» von Christiane Tietz, C. H. Beck. Alexander holt «Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums» von Jörg Lauster, C.
H. Beck. Und Gallus zeigt «Gotteswort, weiblich. Wie heute zu Gott sprechen? Gebete, Psalmen, Lieder» von Annette Jantzen, Herder.
Zur Abstimmung bis zum 29. Mai, 12.00 Uhr möglich.
Liebe zum Detail
Luana Betschen ist kreativ und strukturiert, wagemutig und überlegt zugleich. Die Quereinsteigerin schuf mit ihrer Buchhandlung BUK mit Café im Herzen von Luzern innerhalb von kürzester Zeit eine Oase, wo sich Jung und Alt zum Bücherkauf, Kaffeeplausch und Leseglück trifft.
Das Bruchquartier in Luzern ist ein junges, trendiges Quartier mitten in der Stadt und doch abseits der Touristenströme, mit schönen alten Stadthäusern und lauter kleinen Boutiquen, Second-
hand-Geschäften oder Cafés. Das BUK von Luana Betschen fügte sich vor zwei Jahren ins Quartier ein wie ein fehlendes Puzzle-Teilchen: eine Buchhandlung mit einem sorgfältig kuratierten Angebot der viellesenden Inhaberin. Die Bücher auf der luftig inszenierten Empfehlungswand im BUK wechseln häufig – es gibt Stammkundschaft, die holt sich fast wöchentlich die neuste Empfehlung der Inhaberin ab. Am Sonntag ist Lesetag bei Luana Betschen. Und in jeder freien Minute setzt sie sich mit einem Buch hin und liest. Ihr Sortiment ist ausgewählt und tief zugleich: Es gibt nebst Belletristik, Sach- und Kinderbuch auch eine Abteilung mit Jugendbüchern, und im Kartenständer finden sich spezielle Motive wie etwa «Support your independent and local bookstore». Geschätzt werde auch die grosse Auswahl an
gesellschaftspolitischen und feministischen Neuerscheinungen, sagt Luana Betschen: «Die Stammkundschaft vertraut mir sehr und kauft am liebsten ein, was ich selbst gelesen habe.»
Sprung ins kalte Wasser
Gegründet wurde das BUK vom Arzt Thomas Conzett 2018 in Kriens. Während der Pandemie halfen freiwillige Helferinnen und Helfer, die Neugründung über Wasser zu erhalten. Eine freiwillige Helferin war Luana Betschen, die damals 100 Prozent als Betriebsökonomin arbeitete. Eine Arbeitskollegin hatte sie dafür angefragt, weil sie von ihrer Leseleidenschaft wusste. Es dauerte nicht lang, da kam die Luzernerin als Nachfolgerin ins Spiel. Der Sprung in die Selbstständigkeit und der Umzug des Ladens in die Stadt fühlte sich für sie völlig organisch an, auch wenn sie im Nachhinein manchmal über diese «Verrücktheit» staune: «Ich bin sehr froh, dass ich auf eine gute Art naiv an etwas Neues herangehe und begeisterungsfähig bin.» Sie gehört zu den Menschen, die mit Liebe zum Detail eine Gesamtwirkung eines Produkts erschaffen können: Im BUK ist alles
aufeinander abgestimmt und wirkt dennoch kreativ und persönlich. «Ich bin sehr organisiert und strukturiert, ich liebe privat wie geschäftlich Listen», sagt Luana Betschen. «Das hilft mir, in der
Menge der Aufgaben den Überblick zu behalten.» Und den behält sie im Kleinen wie im Grossen: Sie übernahm die Buchhandlung Anfang 2023 und entwickelte sie seither weiter. Dazu gehörte auch der Umzug von Kriens nach Luzern: «Das Konzept von Buch und Kaffee gehört für mich in die Stadt.»
Ausblick auf zwei Seiten
Die Buchhandlung hat zwei Räume: Der Buchladen mit grossen Schaufenstern geht auf die Bruchstrasse, das Café mit ebenso grosser Fläche zeigt mit Fenstern auf einen Innenhof. In der warmen Jahreszeit stellt Luana Betschen Tischchen und Stühle in den Innenhof
zum Lesen und Kaffetrinken. Weil die Buchhandlung so klein ist und ihr allein gehört, habe sie die Möglichkeit, ihren nachhaltig geprägten Lebensstil auch ins Unternehmen zu integrieren – bis hin zum biologischen Spülmittel, das beim Spülbecken im Café steht. Und der
Kuchen zum Kaffee ist selbst gebacken. Für ihre Bücherlieferungen arbeitet sie mit der IG Arbeit zusammen – einem Luzerner Integrationsprojekt, bei dem Menschen mit psychischer Beeinträchti-
gung zurück in den Arbeitsalltag begleitet werden. «Das funktioniert wunderbar unkompliziert. Ich kann anrufen, und innerhalb von zwei Stunden stehen die Velokurierinnen oder -kuriere vor der Tür.» Luana Betschen engagiert sich auch auf Verbandsebene: in der Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit im SBVV.
Treffpunkt
An diesem Dienstagmorgen geht um Punkt zehn die Tür auf und zu, und die Ladenglocke läutet fast im Minutentakt. Was ist denn das für ein Andrang an einem gewöhnlichen Wochentag? Luana Betschen: «Das sind Frauen aus dem Quartier, die sich einmal im Monat im
Café treffen – zum Plaudern, Diskutieren und Philosophieren über Dinge, die vom Alltäglichen bis ins Grundsätzliche reichen.» Ausserdem wird im BUK regelmässig ein Schreibcafé durchgeführt, es
gibt «Buchgenuss nach Ladenschluss» und einmal im Monat gibt es einen Silent-Reading-Anlass von 19 bis 20 Uhr ohne Anmeldung: Manchmal kommen drei, manchmal 20 Leute. Und falls mal keiner kommen sollte: Dann liest Luana Betschen eben still allein in ihrem Buch in diesem Traum von Bücherladen mitten in der Stadt. Alles geht auf.
Zur Abstimmung bis zum 29. Mai, 12.00 Uhr möglich.
Für das Programm brennen
Wohl noch selten ist ein Verlag so schnell zu einer festen Grösse im Bücheruniversum geworden: Im Frühjahr 2023 erschien das erste Programm des Geparden Verlags – und nun
ist er bereits als Verlag des Jahres nominiert.
Das Selbstbewusstsein von Bettina Spoerri und Anne Wieser ist erfrischend: Die beiden Gründerinnen und Inhaberinnen des Geparden Verlags wissen, dass sie gute Arbeit leisten. Überrascht hat sie die Nominierung als Verlag des Jahres daher nicht. «Wir machen etwas Mutiges und Gutes, ich finde, wir haben
die Nominierung verdient», sagt Bettina Spoerri. Anne Wieder hält die Nominierung für «eine tolle Anerkennung nach so kurzer Zeit» – der Geparden Verlag sei schliesslich erst wenige Jahre alt. Was zeichnet den jungen Verlag denn aus? «Die Sorgfalt», sagt Bettina Spoerri. «Wir versuchen, jedem Buch, jedem Autor, jeder Autorin individuell gerecht zu werden, und wir setzen uns für jeden
Titel voll ein.»
Engagement und Fachwissen
Es ist aber nicht allein Leidenschaft, welche den Geparden Verlag auszeichnet. Jedem der rund zwei Dutzend Titel, die seit Frühjahr 2023 erschienen sind, sieht man auf den ersten Blick an: Da steckt
sehr viel Know-how dahinter. Kein Wunder angesichts des Leistungsausweises der beiden Verlegerinnen. Anne Wieser,
Jahrgang 1969, ist ausgebildete Verlagsbuchhändlerin sowie eidg. dipl. Betriebswirtschafterin HF, zudem hat sie einen Master of Advanced Studies in Kulturmanagement der Universität Basel in der Tasche. Es gibt kaum einen Verlagsbereich, den sie nicht kennt, unter anderem arbeitete sie bei Midas und im Orell-Füssli-Verlag. Bettina Spoerri, Jahrgang 1968, ist promovierte Germanistin und studierte auch Philosophie, Film- und Musikwissenschaft, sie arbeitete neben vielem anderem als Redaktorin für die NZZ sowie als Moderatorin, und sie leitete zehn Jahre lang das Aargauer Literaturhaus Lenzburg.
Nadeln im Heuhaufen finden
Im Aargauer Literaturhaus lernten die beiden Frauen einander auch kennen. «Wir merkten, dass uns die Zusammenarbeit Spass macht», erzählt Anne Wieser. «Und während der Pandemie kam uns die Idee, einen eigenen Verlag zu gründen.» Die Ausrichtung war schnell klar:
Das Programm sollte anspruchsvolle, aber gut lesbare Literatur, Essays, erzählende Kinder- und Jugendbücher umfassen, ausschliesslich Prosa, keine Lyrik, keine Dramatik und keine Sachbücher. Noch können die beiden Verlegerinnen nicht von ihrem Verlag leben. Anne Wieser ist bei den Juventus-Schulen für die Lehrmittel verantwortlich, Bettina Spoerri doziert an der ZHAW und erfüllt freie Text- und Moderationsaufträge. «Aber eigentlich sind wir immer mit dem Verlag beschäftigt», sagt sie. Eine riesige Aufgabe ist zum Beispiel das Sichten und Beurteilen von Manuskripten. In den wenigen Jahren seines Bestehens haben rund 400 Manuskripte Geparden erreicht. «Von den unverlangt eingesandten Texten haben
wir aber keinen veröffentlicht», sagt Anne Wieser. Wie kommen die beiden denn an die passenden Werke heran? «Unser Netzwerk ist gross», so Bettina Spoerri. «Manche Autoren und Autorinnen spre-
chen wir direkt an.»
Bekannte Namen und Debüts
So etwa geschehen bei Sunil Mann. Mit dem erfolgreichen Zürcher Autor arbeitete Anne Wieser bereits zusammen, als sie bei Orell Füssli Kinderbuch tätig war. «Ich fragte ihn bei einem Kaffee, ob er bereit wäre, für uns ein Kinderbuch zu verfassen», erzählt sie. «Zehn Tage später kam er mit einer Idee auf uns zu.» Dass sie aber nicht nur auf bekannte Namen, sondern in erster Linie auf Qualität setzen, bewiesen Anne Wieser und Bettina Spoerri zum Beispiel mit der Publikation von «Findet mich»: Das Roman-Debüt von Doris Wirth landete 2024 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Wo gehobelt wird ...
Nicht schlecht für einen Verlag, der damals gerade erst ein Dutzend Bücher veröffentlicht hatte! Im letzten Jahr kam als weitere Anerkennung der internationale ICMA-Designpreis – award of excellence für die Covergestaltung hinzu. Tatsächlich ist jeder Titel, der bei Geparden erscheint, «auch optisch und haptisch eine Preziose», wie es auf der Verlags-Website heisst. Eine abschliessende
Frage sei bei allem Erfolg erlaubt: Wie schaffen es zwei so starke Charaktere wie Anne Wieser und Bettina Spoerri, erfolgreich zusammenzuarbeiten? «Wo gehobelt wird, da fallen Späne», meint
Bettina Spoerri lachend. Anne Wieser: «Wir können offen diskutieren, und das schätze ich sehr. Auch wenn wir einmal verschiedener Meinung sind, herrscht deshalb keine schlechte Stimmung.» Zwei Meinungen gibt es hinsichtlich der bisher von Geparden publizierten
Bücher aber nicht: «Bei uns erscheint kein Titel, hinter dem wir nicht beide zu 100 Prozent stehen.»
Zur Abstimmung bis zum 29. Mai, 12.00 Uhr möglich.
Gut gemacht
Wer sich Programm und Backlist des Christoph Merian Verlags in Basel anschaut, bekommt unweigerlich Lust, zu den dort vorgestellten Büchern zu greifen. So viele interessante Themen, die so toll präsentiert werden!
Was für ein schöner Zufall: 2026 feiert der Christoph Merian Verlag sein 50-Jahr Jubiläum, gleichzeitig ist er als
Verlag des Jahres nominiert. Doch ein Geburtstagsgeschenk im eigentlichen Sinn ist die Nominierung nicht. Denn:
Ein Geschenk muss man sich nicht verdienen, das gibt es einfach so – der Christoph Merian Verlag hat sich die Nominierung aber mit sehr viel Engagement und ausserordentlichem Gespür für herausragende Sachbücher im Bereich Kunst und Architektur, zu baselspezifischen und gesellschaftlichen Themen erarbeitet.
«Förderung des Wohles der Menschen»
Der Christoph Merian Verlag ist zwar 50 Jahre alt, seine Wurzeln reichen aber viel weiter zurück. Der 1858 verstorbene Basler Grossgrundbesitzer Christoph Merian vermachte seiner «lieben Vaterstadt» Basel ein riesiges Vermögen. Der Ertrag der Christoph Merian Stiftung sollte zur «Linderung der Noth und des Unglückes» und der «Förderung des Wohles der Menschen» genutzt werden. Zu Beginn unterstützte die Stiftung vor allem Bauvorhaben und soziale Einrichtungen, heute fördert sie den sozialen Zusammenhalt, die kulturelle Vielfalt und den sorgfältigen Umgang mit der Natur in der Stadt Basel. «Auch publizistische Vorhaben unterstützte die Stiftung schon länger», sagt Oliver Bolanz. Gemäss ihrer Bestimmung ging es dabei vor allem um baselspezifische Inhalte wie eine neue Baseldeutsche Grammatik oder das «Basler Stadtbuch». 1973 übernahm die Stiftung das «Basler Stadtbuch», drei Jahre später gründete sie einen eigenen Verlag. «Es kamen weitere Publikationen hinzu, die zunächst alle in enger Verbindung zu Basel standen», so Oliver Bolanz. «Während der ersten 20 Jahre erschienen aber jedes Jahr nur wenige Titel.»
Inhaltliche Öffnung
Das änderte sich, als der Historiker Beat von Wartburg in den 1990er-Jahren zum Verlag stiess und bald dessen Leiter wurde. Er positionierte den Verlag neu und öffnete ihn auch für Stoffe, die nicht direkt mit Basel, aber mit dem Stiftungszweck zu tun haben: für kulturelle und sozialgesellschaftliche Themen. Als die Schweiz 1998 Ehrengast an der Frankfurter Buchmesse wurde, startete der Verlag mit einem eigenen Stand und zahlreichen Neuerscheinungen durch.
Einen grossen Erfolg erzielte er schliesslich im neuen Jahrtausend mit «Bruno Manser – Tagebücher aus dem Regenwald», einer prächtigen vierbändigen Edition im Schuber.
Für jedes Buch ein eigenes Team
Diese Publikation ist typisch für die Bücher aus dem Christoph Merian Verlag. «Wir werden als Verlag wahrgenommen, bei dessen Buchprojekten Form und Inhalt in ein gutes Wechselspiel kommen und zu einem gelungenen Produkt führen», sagt Iris Becher. Für jedes
Buch, das der Verlag publiziert – bis zu 20 pro Jahr –, wird in Absprache mit der Autoren- bzw. Herausgeberschaft ein eigenes Team zusammengestellt. Dazu gehören für das jeweilige Thema geeignete Fachleute aus den Bereichen Grafik, Lektorat, Übersetzung, Druck, Fotografie und so weiter. Das Kernteam des Verlags zählt nur vier feste Mitarbeitende, neben Oliver Bolanz und Iris Becher sind dies Andrea Bikle, zuständig für Marketing und PR, und Karin Matt, Verantwortliche für Vertrieb und Social Media. Das externe Netzwerk umfasst viele langjährige Mitwirkende, es stossen aber auch immer wieder neue Leute hinzu. Entscheidend ist die Moderation aller Beteiligten. «Man sieht dem Ergebnis an, wenn das Team gut funktioniert hat», ist Iris Becher überzeugt.
Kein publizistisches Fastfood
Qualität hat ihren Preis. Wer glaubt, der Christoph Merian Verlag müsse nicht streng kalkulieren, weil er eine finanziell potente Stiftung hinter sich weiss, irrt: Nur ausgewählte Publikationen werden von der Stiftung unterstützt, der Verlag agiert publizistisch unabhängig. Und
er tut das mit Erfolg. Zum einen gibt es bei vielen Produktionen Kooperationen, etwa mit Museen, zum anderen «funktioniert unser Konzept im Handel», wie Oliver Bolanz sagt. «Unsere Publikationen sind fundiert, aber zugänglich, weit weg vom wissenschaftlichen Elfen-
beinturm, und eignen sich auch gut als Geschenk – schöne Objekte, die man gern weitergibt, kein publizistisches Fastfood.» Auf diese Weise könne man auch speziellen und mutigen Themen Sichtbarkeit verleihen, ergänzt Andrea Bikle.
Zur Abstimmung bis zum 29. Mai, 12.00 Uhr möglich.
Quer durchs Spektrum
Was 2012 mit einem übersetzten Fachbuch und ein paar zusammengehefteten Seiten begann, ist heute ein Verlag mit einem breiten Portfolio – und einem Team, das seine Zielgruppe kennt wie kaum ein anderes.
Es ist laut im alten Postgebäude an der St. Georgen-Strasse in St. Gallen. Nicht unangenehm laut, sondern lebendig. Das Team – bestehend aus Menschen mit
und ohne Autismus – setzt sich heute ausnahmsweise gemeinsam an den Mittagstisch, denn heute ist erstens Ausmisten angesagt und zweitens Welt-Autismus-Tag. Es gibt Pizza vom Lieferdienst. Eine ging vergessen. Aber alle anderen teilen, sodass auch jener, dessen Pizza nicht ankam, zu seinem Zmittag kommt.
Sozusagen eine Pizza Kunterbunt. So ist das hier. Niemand macht dem anderen etwas vor, niemand wird beäugt und bewertet. Alle akzeptieren einander, wie sie sind. Der Autismusverlag ist inklusiv und zugleich vollwertiger Teilnehmer des ersten Arbeitsmarkts, ohne Unterstützung der öffentlichen Hand. «Wir müssen immer abwägen, was unser Team kann und was der Markt braucht», sagt Simone Russi, die den Verlag zusammen mit ihrem Lebenspartner Florian Scherrer leitet.
Wenn der Zufall Regie führt
Angefangen hat alles eher zufällig. 2012 leitete Florian Scherrer ein Sozialtraining für junge Menschen im Autismusspektrum. Er hatte ein englischsprachiges Fachbuch dabei und gab es einem der anwesenden Jugendlichen mit nach Hause mit der Bitte, ein paar Seiten zu über-
setzen. Doch der Jugendliche übersetzte das gesamte Buch. Aus der Frage, was nun damit geschehen sollte, entstand die Idee, es kurzerhand selbst herauszugeben. Simone Russi und Florian Scherrer kauften die Rechte und gründeten den Verein Autismusverlag. Einen jungen Autisten, der gerade auf Stellensuche war, fragten sie, ob er bei der Produktion mithelfen wolle. «Wir kopierten die Übersetzung und ringelten die Seiten zu Büchern», erzählt Simone Russi. An einer Tagung der Organisation Autismus Schweiz präsentierten sie das Ergebnis – und merkten: Das macht uns Spass.
Kompetenzen statt Defizite
Was folgte, war ein Wachstum, das sich aus den Menschen ergab, die zum Verlag stiessen – Neurotypische wie auch Menschen im Spektrum. Der junge Mann, der bei der Produktion des ersten Buchs
mitgeholfen hatte, absolvierte eine Übersetzer-Ausbildung und übertrug weitere Bücher ins Deutsche. Andere Menschen im Spektrum kamen auf den Verlag zu, weil sie keine Arbeit fanden – auch Simone Russi gehört zum Spektrum und weiss: «Die Stellensuche ist für die
meisten Menschen im Autismusspektrum sehr herausfordernd.» Doch statt Defizite zu katalogisieren, fragten Simone Russi und Florian Scherrer: Welche Kompetenzen bringen diese Menschen mit? So wuchs das Portfolio – Schritt für Schritt, Mensch für Mensch. Heute
umfasst es Bücher rund um Autismus, Materialien für die unterstützte Kommunikation und Produkte, die sich zum Arbeiten nach dem TEACCH-Ansatz gut eignen – einem pädagogischen Ansatz für strukturierte visualisierte Aufgaben. Die Zielgruppe ist so breit wie das Autismusspektrum selbst: kognitiv hochbegabte Menschen, Menschen ohne Lautsprache, die auf visualisiertes Material angewiesen sind, und Neurotypische, die Angehörige oder Freunde im Spektrum besser verstehen möchten. Laura Franciello, zuständig für Marketing, Kommunikation und Lektorat: «Barrierefreiheit bedeutet auch, dass alle Menschen eigenständig kommunizieren können.»
Jeder so, wie er kann
Die Pensen und Arbeitszeiten im Verlag sind sehr unterschiedlich. Eine Mitarbeiterin hat ein Vollpensum, einer ein Kleinstpensum von fünf Stellenprozenten. Ein Mitglied beginnt schon um 7 Uhr morgens, ein anderes kommt erst gegen 16 Uhr. Einige beziehen eine IV-Rente und erhalten einen rentenergänzenden Lohn, andere arbeiten für einen regulären Lohn. «Wir nehmen bei jedem Teammitglied Rücksicht darauf, welche Struktur es braucht, um seine Arbeit zu erledigen»,
sagt Simone Russi. Das Ziel ist immer dasselbe: dass jede Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten möglichst selbstständig und selbstbestimmt arbeiten kann.
Einfach ein Schweizer Verlag
Dass der Autismusverlag nun als Verlag des Jahres nominiert ist, ist für Simone Russi mehr als eine Auszeichnung. In den Anfangsjahren wussten die meisten Kundinnen und Kunden, wer hinter dem Verlag steckt. Inzwischen ist das nicht mehr so – viele kaufen die Produkte, ohne zu wissen, dass sie von einem Team entwickelt und produziert
wurden, das zu einem grossen Teil im Spektrum ist. «Die Nominierung bedeutet für uns, dass wir einfach ein Schweizer Verlag wie alle anderen sind», sagt sie. Und genau das will der Verlag sein. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Zur Abstimmung bis zum 29. Mai, 12.00 Uhr möglich.